Home Boxen allgemein Jetzt reicht‘s – Interview mit Boxfunktionär Raiko Morales

Jetzt reicht‘s – Interview mit Boxfunktionär Raiko Morales

by Wolfgang Wycisk

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Raiko Morales ist mit dem DBV unzufrieden

Raiko Morales übte Kritik an dem Deutschen Boxsportverband (DBV). Der Verband reagierte und plante die Suspendierung des Box-Managers. Morales kam ihm zuvor und legte sein Amt als DBV-Vizepräsident nieder. Jetzt befindet er sich mit dem DBV im offenen Schlagabtausch.

Raiko Morales, 36, ist General Manager des Box-Bundesligisten Hamburg Giants und Vize Präsident sowie Pressesprecher im Hamburger Boxverband. Gemeinsam mit Klitschko Manager Bernd Bönte berät er die deutsche Schwergewichtshoffnung Peter Kadiru.
Morales ist ein Boxsportfachmann mit exzellentem Ruf. Er weiß, wie man Probleme löst. Er ist einer, der Menschen für eine Sache gewinnen kann.
Der krisengeschüttelte Deutsche Boxsportverband (DBV) holte ihn als Vizepräsident für Verbandskommunikation und internationale Athletenbetreuung in seine Führungsetage.
Doch auf seiner anfänglichen Aufbruchsstimmung folgte Ernüchterung. Er musste erkennen, dass im Präsidium eine Art Alleinherrschaft zur Tagesordnung gehört.

Kam Morales seiner Amtsenthebung zuvor?

Entscheidungen die „von oben“ kommen, haben zum Teil katastrophale Folgen. Die Beendigung des Chemiepokals ist ein Beispiel. Das Traditionsturniers findet seit diesem Jahr nicht mehr in Halle statt. Dafür wurde ein neues Turnier in Köln angesetzt. Der Entscheidung folgte ein Beben das Box-Deutschland spaltete.

Morales stand vor der Wahl: Mund halten und sich dem Präsidenten Jürgen Kyas und seinem Vize Erich Dreke unterordnen oder sich seiner Verantwortung gegenüber dem Boxsport stellen. Er entschied sich für letzteres und legte sein Amt nieder. Im Interview stellt sich der Ex-DBV-Funktionär den Vorwürfen, die der Boxverband gegen ihn vorbringt.

Herr Morales, der DBV hatte vor sie von ihrem Amt entheben zu lassen. Wollten sie mit ihrem Rücktrittsgesuch einer möglichen Suspendierung zuvorkommen?

RM: Glauben sie etwa, dass ich dem Suspendierungsantrag ausgewichen bin? Quatsch. Der Antrag hätte nicht den Hauch einer Chance juristisch zu bestehen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich gegen unhaltbare Anschuldigungen von Kyas und Dreke erfolgreich gewehrt habe. Auch diese unsinnige Auseinandersetzung hätte ich gewonnen. Aber jetzt reicht’s, für mich ist Schluss. Mit meinem Rücktritt will ich ein Zeichen setzen. Ich will, dass alle erfahren, in welchem katastrophalen Zustand sich der Spitzenverband befindet. Schauen sie doch einmal:

  • Der Weltboxverband AIBA wird von den olympischen Spielen ausgeschlossen. Zwar wird in Tokio noch geboxt, aber wenn nicht ein Wunder geschieht, dann steht der Boxsport vor dem Totalschaden. Dann steht Boxen 2024 nicht mehr auf der olympischen Agenda.
    Wer gehört denn zu der AIBA Clique, der wir das alles zu verdanken haben? Jürgen Kyas.
  • Dann beklagen sich die DBV-Richter Runge und Beckmann zurecht in einem offenen Brief über die rüden Umgangsformen von Jürgen Kyas. Der Inhalt des Schreibens ist erschreckend.
    Stichwort Richter: In wie vielen Prozessen ist der DBV eigentlich verwickelt? In 5, in 10 oder in 20?
  • Zuletzt das Abschneiden der deutschen Boxer bei den Euro-Spielen in Minsk. Medaillenrang 17 von 19! Ich wiederhole: PLATZ 17 von 19!! Und wir reden von Europa und nicht der Welt.

Was mich beunruhigt ist die Lethargie und die Ohnmacht, die teils in den Landesverbänden vorherrscht. Die Verbände sind sich uneins und trauen sich nicht zu, notwendige Änderungen herbeizuführen. Es herrscht zum Teil Missgunst. Das ist das Umfeld von dem Kyas und Dreke profitieren.

Sie sollen sich bei einer Kündigung in der Geschäftsstelle eingemischt haben.

RM: Als Vizepräsident des DBV bin ich Arbeitgeber und damit trage ich Personalverantwortung. Das bedeutet, dass ich die Hintergründe für einen derart harten Schritt erfahren muss und auch, ob Alternativen untersucht wurden. Einfach zu sagen, dass A und B zukünftig die Aufgaben von Person C übernehmen werden, damit C freigesetzt werden kann, das geht nicht.

Abspielen der 1. Strophe der deutschen Hymne sorgt für Ärger

Ich habe von der Kündigung erst am Tag der Kündigung selbst erfahren. Auf meine schriftliche Anfrage habe ich nie eine Antwort erhalten.  Lediglich den Hinweis, dass nur drei Personen für Personalangelegenheiten verantwortlich sind: Der Präsident Jürgen Kyas, der Vizepräsident Finanzen Erich Dreke und der Sportdirektor Michael Müller. Auf gut Deutsch: Halt dich raus, Morales.

Dass danach der DBV schreibt, dass ich in meiner Eigenschaft als Vizepräsident die Dinge hervorragend hätte bearbeiten können, zeigt, wie irrational die DBV-Führung agiert.
Für mich geht es bei Kündigungen um MENSCHEN!! Um soziale ÄNGSTE! Trotz Bitten wurden meine Fragen über das Wieso, Weshalb und Warum nie beantwortet. Das habe ich nicht hingenommen.

Ihnen wird vorgeworfen, den Hymnenstreit in Niedersachsen kritisiert zu haben. Was war los?

RM: Bei einem Vergleichskampf zwischen Niedersachsen und Südafrika wurde die 1. Strophe der Nationalhymne abgespielt. Ein sehr bedauerlicher Zwischenfall, der auf einem Fehler des DJ beruhte. Niedersachsens Verbands-Präsident Manfred Schumann war zutiefst schockiert. Er entschuldigte sich mehrfach bei den Anwesenden. Doch statt die Aufarbeitung zu unterstützen, fing Kyas eine mediale Schlammschlacht gegen Schumann und den Landesverband Niedersachsen an.

Mir liegt eine Email vor, aus der hervorgeht, dass Kyas ein Verfahren mit voraussichtlich strafrechtlicher Relevanz gegen Schumann anstrebt. Statt sich vor Niedersachsen zu stellen, beginnt er eine Hexenjagd. Er destabilisiert damit einen ganzen Landesverband. Ich habe gelesen, dass wegen diesem Vorfall der Stützpunkt Hannover zur Disposition steht würde. Nun wird mir zur Last gelegt, dass ich auf Facebook Stellung zu Kyas Presseauftritten bezogen habe. Das ist widersprüchlich, absurd und lächerlich.

Sie sollen an mehrere Landesverbände herangetreten sein, um sie für die Ablösung von Herrn Kyas und andere Vorstandsmitglieder zu gewinnen. Für den Fall, dass sie den DBV übernehmen würden, würden sie anschließend  Fusionsverhandlungen mit dem Profiverband WBC aufnehmen. Ein Konzept hierfür existiere bereits.
Angeblich konnte man das einem ihrer Facebook Posts entnehmen.

RM: Ich bin gegen Jürgen Kyas und Erich Dreke als Funktionäre in dem Spitzensportverband Boxen. Sie haben dem Ansehen des deutschen Boxsport schwer geschadet und ich bin mir sicher, dass viele Landesverbände es genauso sehen.

Kyas und Dreke hatten gute Zeiten, aber die sind unwiderruflich vorbei.
Gute Funktionäre würden aufhören, wenn sie sehen, dass sie ihren Verband nicht mehr weiterbringen. Kyas und Dreke ticken anders.

Will Raiko Morales DBV Präsident werden?

Doch es regt sich ein Aufbegehren in den Landesverbänden. Angefangen hat es mit Uwe Hamann, dem Präsidenten von Baden-Württemberg. Uwe kandidierte beim letzten Wahlkongress gegen Kyas.  Damals ist er gescheitert. Würde Uwe bei einer neuen Wahl wieder scheitern? Ich glaube nicht.

Dann soll ich den DBV übernehmen, nur um mich danach mit dem WBC an einen Tisch zu setzen, um zu fusionieren? Und das soll ich, Raiko Morales, alles ganz alleine machen?
Wie quer denkt man eigentlich? Ich habe so etwas weder geschrieben oder auch nur ansatzweise angedeutet.
Kennt die WBC eigentlich den DBV? Was soll mit einer derartigen Fusion erreicht werden? Wie soll das funktionieren, allein wegen Olympia? Ach, ich vergaß. Das Olympische Boxen wird ja zurzeit wegen der AIBA abgeschafft.
Apropos Profi- und Amateurverbände: Ich habe gelesen, dass der russische Boxpräsident und AIBA Exekutivmitglied Umar Kremlev sich mit den Profiverbänden IBF, WBA und WBO in Gesprächen befindet. Er wünscht sich, dass die Profiverbände einem Fond einrichten, mit dem auch die AIBA finanziell unterstützt werden könnte. Vielleicht kann Kremlevs AIBA Kollege Jürgen Kyas Licht ins Dunkel bringen, vor allem wie dann die Gegenleistung der Amateure aussehen würde.
So irrsinnig das auch alles ist, zeigt es auf, wie diese Herren mit Lügen und Diskreditierung versuchen, sich Kritiker vom Hals zu schaffen.

Herr Morales, wollen sie der nächste DBV Präsident werden?

RM: Ich bin doch gar nicht wichtig als Einzelperson. Ich will das der DBV wieder zu den fünf besten Boxverbänden in der Welt gehört. Dafür haben wir das sportliche Potential, dafür haben wir die richtigen Trainer und dafür haben wir das Geld.
Was wir nicht haben, ist eine funktionierende Führungsstruktur, die den Verband lenken kann. Und genau das ist doch unser Kernproblem! Wenn das Schiff in die falsche Richtung steuert – und das tut es seit Jahren – dann wird es niemals am Ziel ankommen.
Deshalb fordere ich, dass alle Ämter mit den jeweils am besten qualifizierten Expertinnen und Experten besetzt werden, unabhängig von Namen oder Nasenfaktor! Und ganz wichtig, jeder muss wissen, wie man in einer Mannschaft spielt. Diese neue Mannschaft muss ein transparentes Konzept entwickeln und es gemeinsam mit den Landesverbänden umsetzen.

Es gibt zurzeit wichtigeres als über Namen zu reden und schon gar nicht über Raiko Morales. Es ist an der Zeit, die beste Lösung zusammen mit den Landesverbänden zu finden. Eine Person alleine ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass wir alle den Mut wiederfinden und zusammen etwas bewegen wollen für unseren Sport.

Herr Morales, ich bedanke mich für das Gespräch.

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